Energie 01.06.2026 · 8 Min. Lesezeit · Aktualisiert am 03.07.2026

Industriestrompreis: Deutschland doppelt so hoch wie USA

Max Kuch
Max Kuch
Gründer von InsolvenzTracker

Kaum ein Standortfaktor wird in Deutschland so erbittert diskutiert wie der Strompreis, und kaum einer trifft die Industrie härter. Die deutsche Industrie zahlt für ihre Energie rund doppelt so viel wie die Konkurrenz in den USA, und die Folgen sind längst messbar: Produktion wandert ab, ganze Branchen schrumpfen. Diese Datenanalyse ordnet ein, wie teuer der Strom wirklich ist, warum, und was das mit der Insolvenzwelle zu tun hat.

Das Wichtigste in Kürze
  • Deutsche Industrie zahlte im 2. Halbjahr 2025 rund 22,64 ct/kWh, der dritthöchste Wert der EU und etwa 23 Prozent über dem EU-Schnitt.
  • Strom für die energieintensive Industrie ist in Europa rund doppelt so teuer wie in den USA und über 50 Prozent teurer als in China.
  • Ein Drittel des deutschen Strompreises sind Steuern und Abgaben, ein weiteres Viertel Netzentgelte.
  • Die energieintensive Produktion ist seit Februar 2022 um 15,2 Prozent eingebrochen, jeder fünfte Chemiebetrieb will Produktion verlagern.
  • Der neue Industriestrompreis hilft nur rund 2.000 Großbetrieben, der Mittelstand bleibt außen vor.

Wie teuer Strom für die deutsche Industrie wirklich ist

Deutschland im Spitzenfeld der EU

Im zweiten Halbjahr 2025 zahlte die deutsche Industrie (mittlere Verbrauchsklasse) 22,64 ct/kWh, der dritthöchste Wert der EU nach Irland und Zypern. Der EU-Durchschnitt lag bei 18,37 ct/kWh, Deutschland also rund 23 Prozent darüber. Günstiger Strom ist hierzulande längst ein Wettbewerbsnachteil, kein Standortvorteil mehr.1

Auch Neuabschlüsse bleiben hoch

Die Branchenzahlen bestätigen das Bild: Für kleine und mittlere Industriebetriebe lag der Strompreis bei Neuabschlüssen 2026 bei 16,7 ct/kWh, für die große Industrie bei 14,4 ct/kWh. Der leichte Rückgang gegenüber dem Vorjahr ändert wenig daran, dass deutsche Werke mit einem strukturellen Kostennachteil produzieren.2

Der Großhandelspreis zieht wieder an

Auch an der Börse wird es nicht günstiger: Der durchschnittliche Day-Ahead-Großhandelspreis stieg 2025 auf rund 89 Euro pro Megawattstunde, ein Plus von 13,8 Prozent gegenüber 2024. Wer auf sinkende Beschaffungskosten gehofft hatte, wurde enttäuscht, der Trend zeigt wieder nach oben.3

Haushalte zahlen am zweitmeisten in Europa

Nicht nur die Industrie leidet. Deutsche Haushalte zahlten im zweiten Halbjahr 2025 38,69 ct/kWh, der zweithöchste Wert der EU nach Irland. Der EU-Schnitt lag bei knapp 29 ct/kWh. Hohe Energiekosten sind in Deutschland also ein gesamtwirtschaftliches Phänomen, vom Verbraucher bis zum Großkonzern.4

Der Ländervergleich, der wehtut

Doppelt so teuer wie die USA

Die Internationale Energieagentur bringt es auf den Punkt: Strom für energieintensive Industrien war in der EU 2025 im Schnitt rund doppelt so teuer wie in den USA und mehr als 50 Prozent teurer als in China und Indien. Für stromhungrige Branchen entscheidet dieser Faktor über Investitionen und Standorte.5

Die USA zahlen die Hälfte

Konkret zahlte die US-Industrie 2025 im Schnitt nur 8,62 US-Cent pro Kilowattstunde, also weniger als die Hälfte des deutschen Niveaus. Bei Strom als zentralem Produktionsfaktor ist das ein Vorsprung, den deutsche Effizienz und Qualität kaum noch ausgleichen können.6

Skandinavien zahlt ein Drittel

Innerhalb Europas zeigt sich, wie hausgemacht das Problem ist: In Finnland kostete Industriestrom 7,48 ct/kWh, in Schweden 9,70 ct/kWh, also rund ein Drittel des deutschen Preises. Beide Länder setzen massiv auf Kernkraft und Wasserkraft, ohne die deutsche Abgabenlast.7

Selbst Frankreich liegt klar darunter

Auch der direkte Nachbar ist günstiger: Französische Haushalte zahlten Anfang 2025 nur 26,6 ct/kWh, gegenüber 38,4 ct/kWh in Deutschland, ein Abstand von rund 31 Prozent. Frankreichs Kernkraftflotte liefert hier einen strukturellen Preisvorteil, den Deutschland politisch abgewählt hat.8

Warum deutscher Strom so teuer ist

Ein Drittel sind Steuern und Abgaben

Der deutsche Strompreis besteht 2026 nur zu 41,3 Prozent aus Erzeugungskosten, zu 33,9 Prozent aus Steuern und Abgaben und zu 24,8 Prozent aus Netzentgelten. Mehr als die Hälfte des Preises ist also nicht der Strom selbst, sondern staatlich verursachter Aufschlag.9

Hohe Netzentgelte trotz Milliardenhilfe

Selbst nach einer Senkung bleiben die Netzkosten hoch: Anfang 2026 fielen die Netzentgelte um 15,4 Prozent auf 9,26 ct/kWh, ermöglicht durch einen staatlichen Zuschuss von 6,5 Milliarden Euro. Ein Preisbestandteil, der nur mit Steuergeld gedrückt werden kann, ist kein nachhaltiges Fundament für den Standort.10

Was die Energiekosten anrichten

Die energieintensive Produktion bricht weg

Die Folgen sind in den amtlichen Zahlen sichtbar: Die Produktion der energieintensiven Industrie sank von Februar 2022 bis März 2026 um 15,2 Prozent, deutlich stärker als die Gesamtindustrie mit minus 9,5 Prozent. Wo Energie der größte Kostenblock ist, schlägt der Preis am direktesten durch.11

Ganze Branchen schrumpfen

Besonders hart trifft es die Grundstoffindustrie: Seit Februar 2022 brach die Produktion bei Zement und Beton um 29,3 Prozent ein, bei Glas und Keramik um 25,0 Prozent und in der Chemie um 18,1 Prozent. Das sind keine Nischen, sondern der Anfang vieler Wertschöpfungsketten.12

Die Chemie läuft auf Sparflamme

Die Schlüsselbranche Chemie kommt nicht aus der Krise: 2025 sank die Produktion erneut um 3,3 Prozent, die Anlagenauslastung fiel auf rund 72,5 Prozent, weit unter der Schwelle, ab der sich Werke rechnen. Eine dauerhaft unterausgelastete Grundstoffindustrie ist ein Alarmsignal für den ganzen Standort.13

Jeder fünfte Chemiebetrieb will verlagern

Entsprechend planen laut Verband der Chemischen Industrie 20 Prozent der Unternehmen, Produktion zu verlagern oder stillzulegen, jeder zehnte Betrieb will ganze Standorte schließen. Wenn Verlagerung vom Notfall zur Strategie wird, geht Substanz verloren, die nicht zurückkommt.14

Zehntausende Stellen sind schon weg

Der Abbau läuft bereits: Die energieintensive Industrie beschäftigte im März 2026 noch 794.400 Menschen, rund 53.200 weniger als im Februar 2022, ein Minus von 6,3 Prozent. Hinter dem Produktionsrückgang stehen reale Arbeitsplätze, oft in strukturschwachen Regionen.15

Kostensenkung treibt Investitionen ins Ausland

Auch das Kapital wandert: Laut DIHK ist Kostensenkung 2025 mit 35 Prozent das wichtigste Motiv für Auslandsinvestitionen, bei energieintensiven Branchen sogar 47 Prozent, der höchste Wert seit der Finanzkrise. Investiert wird zunehmend dort, wo Energie bezahlbar ist, nicht in Deutschland.16

Energiekosten, Insolvenzen und ein halbes Pflaster

Energie als struktureller Insolvenztreiber

Das IWH Halle stellt klar, dass sich die hohen Insolvenzzahlen nicht mehr mit Corona-Nachholeffekten erklären lassen, sondern strukturelle Belastungen wie die Energiepreise widerspiegeln. Energiekosten sind damit nicht nur ein Wettbewerbsthema, sondern ein direkter Treiber von Firmenpleiten.17

Der Industriestrompreis hilft nur wenigen

Die Politik reagiert, aber zaghaft: Der von der EU genehmigte Industriestrompreis 2026 bis 2028 umfasst rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr und erreicht nur etwa 2.000 besonders stromintensive Betriebe, der breite Mittelstand bleibt außen vor. Wer nicht zu den ganz Großen zählt, trägt die hohen Kosten weiter allein.18

Unser Befund: ein Standortproblem mit Ansage

Aus unserer Sicht ist der Strompreis kein konjunkturelles Ärgernis, sondern ein struktureller Standortnachteil. In unserer Auswertung der amtlichen Bekanntmachungen zählt InsolvenzTracker 14.675 eröffnete Unternehmensinsolvenzen allein von Januar bis Mai 2026, und die energieintensiven Branchen sind überproportional betroffen. Solange Energie das Doppelte kostet, bleibt das Risiko hoch.19

Häufige Fragen

Wie hoch ist der Industriestrompreis in Deutschland?

Im zweiten Halbjahr 2025 zahlte die deutsche Industrie rund 22,64 ct/kWh, der dritthöchste Wert der EU nach Irland und Zypern und etwa 23 Prozent über dem EU-Durchschnitt von 18,37 ct/kWh.

Warum ist Strom in Deutschland so teuer?

Der deutsche Strompreis besteht 2026 nur zu 41,3 Prozent aus Erzeugungskosten. 33,9 Prozent sind Steuern und Abgaben, 24,8 Prozent Netzentgelte. Mehr als die Hälfte des Preises ist also staatlich verursachter Aufschlag, nicht der Strom selbst.

Wie viel teurer ist deutscher Industriestrom als in den USA?

Strom für die energieintensive Industrie war in der EU 2025 im Schnitt rund doppelt so teuer wie in den USA und mehr als 50 Prozent teurer als in China und Indien. Die US-Industrie zahlte nur rund 8,62 US-Cent pro Kilowattstunde, weniger als die Hälfte des deutschen Niveaus.

Welche Folgen haben die hohen Energiekosten für die Industrie?

Die energieintensive Produktion sank von Februar 2022 bis März 2026 um 15,2 Prozent, deutlich stärker als die Gesamtindustrie mit minus 9,5 Prozent. Laut Verband der Chemischen Industrie plant jeder fünfte Chemiebetrieb, Produktion zu verlagern oder stillzulegen.

Wem hilft der neue Industriestrompreis?

Der von der EU genehmigte Industriestrompreis umfasst rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr, erreicht aber nur etwa 2.000 besonders stromintensive Großbetriebe. Der breite Mittelstand bleibt außen vor und trägt die hohen Kosten weiter allein.

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Quellen

  1. 1 Eurostat (ec.europa.eu)
  2. 2 BDEW (bdew.de)
  3. 3 Fraunhofer ISE / Energy-Charts (energy-charts.info)
  4. 4 Eurostat (ec.europa.eu)
  5. 5 Internationale Energieagentur (IEA) (iea.org)
  6. 6 U.S. EIA / Statista (statista.com)
  7. 7 Eurostat (ec.europa.eu)
  8. 8 Eurostat (ec.europa.eu)
  9. 9 strom-report / BDEW (strom-report.com)
  10. 10 strom-report / BDEW (strom-report.com)
  11. 11 Statistisches Bundesamt (destatis.de)
  12. 12 Statistisches Bundesamt (destatis.de)
  13. 13 VCI (vci.de)
  14. 14 VCI (vci.de)
  15. 15 Statistisches Bundesamt (destatis.de)
  16. 16 DIHK (dihk.de)
  17. 17 IWH Halle (iwh-halle.de)
  18. 18 Bundeswirtschaftsministerium (bundeswirtschaftsministerium.de)
  19. 19 InsolvenzTracker (insolvenztracker.de)
Max Kuch
Max Kuch
Gründer von InsolvenzTracker

Max Kuch ist studierter Ökonom und Digitalunternehmer. Über mehrere Projekte im Bereich Insolvenzen wertet er täglich die amtlichen Bekanntmachungen aus und beobachtet die Entwicklung der Firmenpleiten in verschiedenen Branchen, in Deutschland wie im europäischen Ausland. Seine Auswertungen verbinden offizielle Statistiken mit tagesaktuellen Daten direkt aus den Insolvenzgerichten und machen Trends sichtbar, oft lange bevor sie in der öffentlichen Statistik auftauchen.

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