Industrie 01.06.2026 · 9 Min. Lesezeit · Aktualisiert am 03.07.2026

Deindustrialisierung: Deutsche Industrie schrumpft seit 2018

Max Kuch
Max Kuch
Gründer von InsolvenzTracker

Verliert Deutschland seine industrielle Basis? Die Frage spaltet Ökonomen. Die einen sehen einen schleichenden Strukturbruch, belegt durch sinkende Produktion, abwandernde Investitionen und eine lange Liste prominenter Werksschließungen. Die anderen halten dagegen, dass Deutschlands Industrie noch immer außergewöhnlich stark ist. Diese Datenanalyse trägt beide Seiten zusammen und ordnet ein, was wirklich passiert.

Das Wichtigste in Kürze
  • Die deutsche Industrieproduktion liegt rund 10 Prozent unter dem Niveau von 2018, die energieintensive Produktion sogar 15 Prozent unter dem Stand von 2022.
  • Ausländische Direktinvestitionen in Deutschland haben sich 2024 etwa halbiert, 40 Prozent der Industrie planen Investitionen im Ausland.
  • Prominente Namen bauen ab oder verlagern: VW, BASF, ThyssenKrupp, Bosch, Miele, Michelin und Goodyear.
  • Gleichzeitig steht die Industrie noch für rund 20 Prozent der Wertschöpfung, mehr als in den USA oder Frankreich.
  • Der Streit lautet: Strukturbruch oder Transformation? Die Zahlen sprechen für einen ernsten, aber noch nicht entschiedenen Umbruch.

Der Befund: die Industrie schrumpft

Produktion unter dem Niveau von 2018

Die deutsche Industrieproduktion liegt nach Daten des BDI rund 10 Prozent unter dem Niveau von 2018, dem bisherigen Höchststand. Das ist kein einzelnes schwaches Jahr, sondern ein Rückgang, der sich über fast ein Jahrzehnt hinzieht.1

Die energieintensive Industrie bricht weg

Noch deutlicher trifft es die Grundstoffindustrie: Die energieintensive Produktion sank von Februar 2022 bis März 2026 um 15,2 Prozent, fast doppelt so stark wie die Gesamtindustrie. Wo Energie der größte Kostenblock ist, schlägt der Standortnachteil am härtesten durch.2

Schon das vierte Minusjahr

2025 sank die Industrieproduktion um rund 1,6 Prozent, das vierte Jahr mit einem Minus in Folge. Vier Schrumpfungsjahre hintereinander sind für eine Exportnation außergewöhnlich und nähren den Verdacht eines strukturellen, nicht nur konjunkturellen Problems.3

Die Chemie als Frühwarnsystem

Die Schlüsselbranche Chemie kommt nicht aus der Krise: 2025 sank die Produktion um 3,3 Prozent, die Anlagenauslastung lag bei nur 72,5 Prozent, weit unter der Rentabilitätsschwelle. Als energieintensiver Frühindikator sendet die Chemie ein klares Warnsignal.4

Kapital wandert ab

Ausländische Investoren ziehen sich zurück

Auch das Kapital stimmt ab: Die ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland halbierten sich 2024 auf rund 43 Milliarden Euro, nach 72 Milliarden im Vorjahr. Wenn internationale Investoren zögern, fehlt der Industrie das Geld für ihre Erneuerung.5

Ein struktureller Bruch seit 2022

Die Bundesbank spricht von einem statistisch signifikanten Strukturbruch bei den Zuflüssen seit 2022. Seit dem Energiepreisschock ist Deutschland als Investitionsstandort messbar unattraktiver geworden, nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft.6

Vier von zehn Industriefirmen investieren lieber im Ausland

Laut DIHK planen 40 Prozent der Industrieunternehmen Investitionen im Ausland, für 35 Prozent ist Kostensenkung das Hauptmotiv, der höchste Wert seit der Finanzkrise. Investiert wird zunehmend dort, wo Energie und Arbeit billiger sind.7

Auch der Mittelstand erwägt den Absprung

Selbst die Familienunternehmen, das Rückgrat der Wirtschaft, wanken: Laut Stiftung Familienunternehmen erwägen 43 Prozent, Teile des Betriebs oder die ganze Firma ins Ausland zu verlagern. Bevorzugte Ziele sind die USA, Polen, Indien und China.8

Die Namen, die gehen

Volkswagen baut massiv ab

Der größte Autobauer Europas schrumpft im Inland: VW strich Ende 2024 die Streichung von mehr als 35.000 Stellen in Deutschland bis 2030 fest, die größte Restrukturierung der Konzerngeschichte. Wenn das Aushängeschild der Industrie abbaut, ist das ein Symbol mit Signalwirkung.9

BASF investiert in China statt zuhause

Der Chemieriese BASF eröffnete 2026 ein 8,7 Milliarden Euro teures Werk im chinesischen Zhanjiang, während am Stammsitz Ludwigshafen rund 2.800 Stellen wegfielen. Kein anderes Beispiel zeigt die Verlagerung von Kapital und Kapazität so deutlich.10

ThyssenKrupp verkleinert die Stahlsparte

Beim größten deutschen Stahlhersteller fallen rund 11.000 Stellen weg, die Kapazität sinkt von 11,5 auf unter 9 Millionen Tonnen. Billige Importe und hohe Energiekosten setzen der Branche zu, die einst das industrielle Fundament Deutschlands bildete.11

Bosch streicht Zehntausende Stellen

Der weltgrößte Autozulieferer Bosch will bis 2030 bis zu 25.000 Stellen in Deutschland abbauen. Der teure Umstieg auf die Elektromobilität trifft auf schwache Nachfrage und hohe Standortkosten, ein Muster, das sich quer durch die Zulieferindustrie zieht.12

Miele zieht nach Polen

Selbst Premiummarken verlagern: Miele verlegt die Waschmaschinenmontage nach Polen und streicht in Gütersloh rund 700 Stellen bis 2027. Wenn ein Symbol für "Made in Germany" Kernproduktion ins Ausland verlegt, ist das mehr als ein Einzelfall.13

Reifenhersteller schließen Werke

Auch internationale Konzerne ziehen sich zurück: Goodyear schließt zwei deutsche Werke mit rund 1.750 Arbeitsplätzen, Michelin hatte zuvor mehrere Standorte abgewickelt. Hohe Kosten und Importdruck machen Deutschland als Produktionsstandort unrentabel.14

Die Industrie bleibt aber stark

Noch immer rund ein Fünftel der Wertschöpfung

Gegen die Untergangsthese spricht das Gewicht der Industrie: Das verarbeitende Gewerbe steht weiter für rund 19,9 Prozent der Bruttowertschöpfung. Damit ist Deutschlands Industrieanteil deutlich höher als in den meisten anderen großen Volkswirtschaften.15

Mit den Diensten ein Viertel der Wirtschaft

Das IW Köln rechnet vor, dass Industrie samt industrienahen Diensten rund ein Viertel der Wirtschaftsleistung ausmacht, deutlich mehr als in den USA oder Frankreich. Wer von Kollaps spricht, unterschätzt, wie tief die industrielle Basis noch verankert ist.16

Hochproduktiv, aber zu teuer

Das eigentliche Problem ist nicht die Leistungsfähigkeit: Die deutschen Lohnstückkosten in der Industrie liegen 22 Prozent über dem Schnitt der Vergleichsländer. Deutschland verliert nicht, weil es schlecht produziert, sondern weil es zu teuer produziert.17

Energie als Kernnachteil

Dazu kommt der Energiepreis: Strom für die Industrie ist in Europa rund zweieinhalbmal so teuer wie in den USA oder China. Solange dieser Abstand bleibt, verlagert sich besonders die energieintensive Produktion fast zwangsläufig.18

Strukturbruch oder Transformation?

Die optimistische Lesart

Nicht alle sehen einen Niedergang. ifo-Präsident Clemens Fuest nennt das Etikett vom kranken Mann "überzogen" und spricht von Transformation statt Kollaps, räumt aber ein, dass die Autoproduktion nur noch etwa zwei Drittel des Niveaus von 2018 erreicht. Die Substanz sei da, müsse sich aber neu erfinden.19

Die pessimistische Lesart

Andere sind alarmierter: Das DIW hält eine Kombination aus Rezession und fortgesetzter Deindustrialisierung für zunehmend wahrscheinlich, mit mehr Kurzarbeit, Entlassungen, Schließungen und Insolvenzen. Zwischen "Schreckgespenst" und realer Gefahr verläuft die eigentliche Debatte.20

Unser Befund: der Umbruch ist real

Aus unserer Sicht ist die Wahrheit unbequem: Es ist kein vollständiger Kollaps, aber auch keine harmlose Transformation. Der Strukturbruch zeigt sich längst in den Insolvenzen, InsolvenzTracker zählt 14.675 eröffnete Unternehmensinsolvenzen bis Mai 2026, mit den Industrieregionen im Westen an der Spitze. Wer jetzt nicht gegensteuert, riskiert, dass aus Verlagerung dauerhafter Verlust wird.21

Häufige Fragen

Findet in Deutschland eine Deindustrialisierung statt?

Die Industrieproduktion liegt rund 10 Prozent unter dem Niveau von 2018, die energieintensive Produktion sogar 15,2 Prozent unter dem Stand von Februar 2022. 2025 war mit minus 1,6 Prozent bereits das vierte Minusjahr in Folge. Ein vollständiger Kollaps ist es nicht, aber ein realer Strukturbruch.

Welche großen Unternehmen bauen ab oder verlagern ins Ausland?

Volkswagen streicht bis 2030 mehr als 35.000 Stellen in Deutschland, Bosch bis zu 25.000. BASF baute in China ein 8,7 Milliarden Euro teures Werk und strich in Ludwigshafen rund 2.800 Stellen. ThyssenKrupp verliert rund 11.000 Stellen, Miele verlagert die Waschmaschinenmontage nach Polen, Goodyear schließt zwei deutsche Werke.

Warum verlagert die deutsche Industrie ins Ausland?

Die Lohnstückkosten in der deutschen Industrie liegen 22 Prozent über dem Schnitt der Vergleichsländer, und Strom ist in Europa rund zweieinhalbmal so teuer wie in den USA oder China. Laut DIHK planen 40 Prozent der Industrieunternehmen Investitionen im Ausland.

Ist die deutsche Industrie trotzdem noch stark?

Ja. Das verarbeitende Gewerbe steht weiter für rund 19,9 Prozent der Bruttowertschöpfung, mit den industrienahen Diensten rund ein Viertel der Wirtschaftsleistung, deutlich mehr als in den USA oder Frankreich. Das Problem ist nicht die Leistungsfähigkeit, sondern die Kosten.

Ist es ein Strukturbruch oder eine Transformation?

Das ist der Kern der Debatte. ifo-Präsident Clemens Fuest spricht von Transformation statt Kollaps, das DIW hält dagegen eine Kombination aus Rezession und fortgesetzter Deindustrialisierung für zunehmend wahrscheinlich. Die Zahlen sprechen für einen ernsten, aber noch nicht entschiedenen Umbruch.

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Quellen

  1. 1 BDI (marktundmittelstand.de)
  2. 2 Statistisches Bundesamt (destatis.de)
  3. 3 Statistisches Bundesamt (destatis.de)
  4. 4 VCI (vci.de)
  5. 5 Deutsche Bundesbank (bundesbank.de)
  6. 6 Deutsche Bundesbank (bundesbank.de)
  7. 7 DIHK (dihk.de)
  8. 8 Stiftung Familienunternehmen (familienunternehmen.de)
  9. 9 betriebsrat.de (betriebsrat.de)
  10. 10 ZDFheute (zdfheute.de)
  11. 11 Tagesspiegel (tagesspiegel.de)
  12. 12 VerkehrsRundschau (verkehrsrundschau.de)
  13. 13 Tagesspiegel (tagesspiegel.de)
  14. 14 hessenschau (hessenschau.de)
  15. 15 Statistisches Bundesamt (destatis.de)
  16. 16 IW Köln (iwkoeln.de)
  17. 17 IW Köln (iwkoeln.de)
  18. 18 Statista (de.statista.com)
  19. 19 Clemens Fuest (ifo) / NWZ (nwzonline.de)
  20. 20 DIW Berlin (diw.de)
  21. 21 InsolvenzTracker (insolvenztracker.de)
Max Kuch
Max Kuch
Gründer von InsolvenzTracker

Max Kuch ist studierter Ökonom und Digitalunternehmer. Über mehrere Projekte im Bereich Insolvenzen wertet er täglich die amtlichen Bekanntmachungen aus und beobachtet die Entwicklung der Firmenpleiten in verschiedenen Branchen, in Deutschland wie im europäischen Ausland. Seine Auswertungen verbinden offizielle Statistiken mit tagesaktuellen Daten direkt aus den Insolvenzgerichten und machen Trends sichtbar, oft lange bevor sie in der öffentlichen Statistik auftauchen.

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